Mo 9 Okt 2006
Ich bekenne, ich habe das Buch “Das erfundene Mittelalter” von Heribert Illig gelesen.
Illig ist bei den etablierten Mediävisten verschrien und belächelt…
Worum geht’s in dem Buch?
Heribert Illig setzt die These in die Welt, dass man ca. 300 Jahre mittelalterlicher Geschichte streichen muss. Und zwar konkret die Jahre 627 bis 911. Alles was es über diese Jahre gibt, ist Fälschung, Interpretation, Vermutung.
Karl der Große hat nicht gelebt, er ist eine Fiktion, seine Vita setzt sich aus Fälschungen aus dem 11. und 12. Jahrundert zusammen, alle späteren Beschreibungen stützen sich darauf. Die “etablierten” Wissenschaftler sind den Fälschern auf den Leim gegangen.
In seinem Buch belegt er seine These gewissenhaft und detailreich. Z.B. weist er nach: Der Aachener Dom konnte gar nicht zu Karls Lebzeiten gebaut worden sein, die Technolgie, um solch ein Bauwerk zu erstellen, gab es zu dieser Zeit noch nicht.. Wenn jemand diesen Dom im 8.Jahrhunudert gebaut hätte, dann wäre es unerklärlich, dass man 200 Jahre lang kein andres Bauwerk in ähnlicher Form, mit solcher Technologie gebaut hätte.
Gefälschte Dokumente sind natürlich auch den etablierten Mediävisten aufgefallen und etliche auch als solche anerkannt. Man ist sich darüber einig, dass gefälscht wurde. Nur wie viel und was - hier versucht Illig nachzuweisen, was alles als Fälschung angesehen werden muss, wer dahinter stecken könnte und warum… -
Illig führt viele weitere Leistungen Karls ad absurdum und weist den Dingen ihre richtige Zeit im 10. bis 13. Jahrhundert zu. Seine These ist für meine Begriffe schlüssig.
Aber ich will hier weder eine Rezension dieses Buches vorlegen, noch liegt mir daran zu wiederholen, was Illig geschrieben hat.
Ein Hauptvorwurf Illigs an die etablierte Mediävistik besteht darin, dass man sich über Jahrhunderte allein auf die Auswertung von Schriften und Dokumenten aus dem Mittelalter beschränkt hatte und die Archäologie nur dann zu Rate gezogen hat, wenn man eine These beweisen wollte. Hier sei das Phänomen eingetreten, dass man nur das findet, was man sucht, bzw. dass man das, was man findet, so interpretiert, dass es der Fragestellung genügt…
Spannender als die Frage, hat Illig recht und muss man dreihundert Jahre streichen oder nicht, ist für mich allerdings die Frage, was ist “echte Geschichte” und was ist interpretierte Geschichte.
Eigentlich bleibt uns ja nichts weiter übrig, als zu glauben was uns erzählt wird. Wir können ja kaum überprüfen… Und das betrifft genauso auch unsere gegenwärtigen Nachrichten. Ich kann das ja beobachten, wie unterschiedlich verschiedene Nachrichtenagenturen über ein Ereignis berichten. Ganz nach Interesse der Berichterstatter oder deren Auftraggeber. “Zieh los und berichte über den Berlin Marathon und weise nach, das Sport Mord ist” - dann geht der Journalist los und findet lauter Beweise für den Wahnsinn eines solchen Laufes. Er wird total erschöpfte Menschen fotografieren und diejenigen interviewen, die aufgeben oder sich sogar in ärztliche Behandlung begeben mußten. Dann würde sein Bericht ein Bild von Selbstüberschätzung und Versagen zeichnen. Hätte sein Auftraggeber ihn losgeschickt, darüber zu berichten, dass selbst ältere Menschen zu solchen Leistungen fähig sein können, hätte er ganz andre Motive fotografiert und sein Artikel könnte von Heldentum und Willenstärke handeln. Beide Berichte wären “wahr”. Aber wahr ist noch viel mehr: was ein Teilnehmer erlebt in den 3…4…5 Stunden seines Laufes, wie er nach einer bestimmten Zeit - vielleicht nach etwa 20 Kilometern abschaltet und um sich herum kaum noch etwas wahrnimmt und immer mehr nur noch mechanisch läuft. Nach dem Lauf erzählen seine Frau und die Freunde ihm, dass sie ihm - vielleicht beim Kilometer 25 oder 40 - zugerufen, ihn angefeuert hätten… er hat zwar zurückgelächelt aber er weiß es nicht mehr! Er war nur noch Läufer, sein Körper hat ihn nur noch laufen lassen, alles was nicht notwendig zum Laufen war, hat sich automatsch abgeschaltet bei ihm. Man muss ihm erzählen, was alles rund herum an Volksbelustigung stattfand für die Zuschauer am Rande der Strecke… er hat es - spätestens nach Kilometer 20 - nicht mehr mitbekommen. Man könnte Geschichten darüber erfinden, er müßte sie glauben oder nicht. -
Und hier kommt ein Zusammenhang zu Heribert Illigs Buch: Die dreihundert “erfundenen” Jahre sind wie ein Filmriss in der Geschichte. Die wenigen Anhaltspunkten, die man findet oder die Ereignisse, die einem die “Freunde am Wegrand” einreden wollen, aus Spaß oder aus Machtinteresse, können wir glauben und ernst nehmen und uns die ausgeblendete Zeit “schönreden”. Wir können daraus Schlussfolgerungen ziehen, damit es eine runde Sache wird, damit die Zeit von der wir keine Ahnung haben, “anschaulich” wird. -
Hihi, auch wenn ich nach nem Konzert die berüchtigte Milleniumschorle getrunken hatte, hatte ich einen Flimriss. Das, was ich angeblich - laut der Geschichten meiner Kollegen am nächsten Morgen - in der Zeit gemacht, gesagt und getan haben soll, kann ich zusammenbasteln zu einer “wahren” Geschichte und wenn alles wahr sein soll, dann muss ich mitunter auch die Zeit dehnen, die ich angeblich noch agiert haben soll in meinem Alkoholwahn - bevor ich dann irgendwann ins Bett gefallen sein muss…
Und irgendwann sind diese Geschichten wirklich mein Leben geworden. Ich erzähle sie selbst weiter - als Anekdoten aus meinem Leben…
[Rezept “Milleniumschorle”:
3 Teile Champagner / 1 Teil Grappa
“Weicheier” können auch im Verhältnis 4:1 mischen.
Wir - d.h. insbesondere Jagbird und ich auf der Tour im Dezember 1999… daher auch der Name… - hatten dazu kostengünstig bei ALDI eingekauft: 2 Fl. (2×0,75 l =1,5 l) Champagner je 20,-DM / Grappa (0,5 l Flasche) um die 10,- DM - für 50 DM konnte man einige Filmrisse produzieren
- naja es kam drauf an, wieviele weitere Kollegen sich daran beteiligt haben… allerdings zogen die Kollegen nach und nach doch lieber “schnödes Bier” vor…
- sind halt keine Genießer
]
I admit: I read the book “Das erfundene Mittelalter” (= “The fictitious Middle Ages”) by Heribert Illig.
Illig is ill-reputed by mainstream medievalists and they sneer at him…
What is the book about?
Heribert Illig tells the world that about 300 years of medieval history has to be deleted. And he`s talking about the years 627 till 911 in particular. Anything you know about these years is fake, interpretation, speculation.
Karl der Große (= Charlemagne) hasn`t been alive, he`s fiction, his vita was made out of forgeries of the 11th and 12th century. The latest memorandas corroborate it . The “established” scientists felt for the fakers tricks.
In his book, he underlined his point conscientiously and full of details. E.g. he proved: the cathedral of Aachen couldn`t be build in Charlemagnes lifetime. They hadn`t had the technology to construct such a building at that time… If someone built this cathedral in the 8th century it would be unexplainable that no other building had been built of the same structure with such a technology for 200 years.
Of course, the established medievalists also noticed the faked documents and a lot of them were recognized as such. They all agree that it is forgery. But how much and what - at that point Illig tries to prove what has to be seen as forgery who could be behind it and why… -
Illig reduced a lot more accomplishments of Charlemagne to absurdity and assigned their right era in the 10th and 13th century. In my opinion, his thesis is logical.
But I neither want to write a recension of this book nor a recap what Illig wrote.
Illigs main reproach to the mainstream mediavalists is that it was just based on scripts and documents from the Middle Ages over the centuries and archeologists were only asked for help when a thesis had to be proved. This is the phenomenon that one only finds what one seeks or rather what was found is interpreted the way that it is enough for the questioning…
For me, the question what`s “real history” and what`s interpreted history is far more exciting than the question if Illig is right and if 300 years should be deleted or not.
Actually we have no choice but to believe what people tell us. We barely can check it… And it also affects our todays news. I can watch it how different several news agencies report about one event. Depending on the interests of the reporters or their bosses. “Go and report about the Berlin marathon and prove the “Sport ist Mord” theory (= it means something like that you`re exhausting yourself while doing sports) - the journalist goes ahead and looks for proofs of the insanity of such a run. He will photograph completely exhausted people and does interviews with the ones who had to give up or even needed medical treatment. His report would show a picture of exaggerated opinion of oneself and failure. If his boss would send him to report about the fact that even older people are capable of such efforts he would photograph completely different motives and his report could be about heroism and willpower. Both reports would be “true”. But a lot more is true: what a participant experiences in the 3…4…5 hours of his run, how he just passivates after a certain period of time - maybe after about 20km - and barely perceives what happens around him and runs more and more automatically. After the run his wife and friends tell him that they - maybe at km 25 or 40 - shout to him and cheered… he smiled back but he can`t remember it! He was just a runner, his body let him run, anything that wasn`t necessary to run passivates automatically. One has to tell him what kind of event it was for the spectators on the margin of the way… he didn`t - after 20km at the latest - notice it anymore. You could make up stories about it, he would have to believe it or not.-
And here`s the connecting point to Heribert Illigs book: The 300 “fictitious” years are like a mental blank in history. The few clues you can find of the events that “friends from the wayside” reason you into them cause of fun or interests of power - we can believe it or take it seriously and put a gloss on the fade-out time. We can make a conclusion out of it so that it`s gonna be a plain sailing so that the time we have no idea of will be concrete.
Hehe, when I drank the famous “Millenniumsschorle” (= “millennium spritzer”) after a concert I had a mental blackout as well. That what I allegedly did and said in that period of time - according to stories of my colleagues the next morning - I can put it together to a “true” story and if everything that is said to be true one also has to stretch the time I allegedly still acted in my alcoholic madness - before I collapsed into bed sometime…
And at some point these stories really became my life. I also retell them - as anecdotes of my life…
[”millennium spritzer” recipe:
3 parts champagne/ 1 part Grappa
“Sissys” can also mix in the relation 4:1.
We - that means especially Jagbird and me while touring with Corvus Corax in December 1999… that`s also why we call it like that… - bought some inexpensive stuff at ALDI (=supermarket in Germany):
2 bottles (2×0,75l = 1,5l) champagne for 20,- DM per bottle / 1 bottle of Grappa (0,5l) for 10,- DM - for 50,- DM you could cause some mental blanks ;o) - well, it depends how many other colleagues joined it… however, one after another of the colleagues got rather back to their “boring beer”
- well, they ain`t no epicures
]
[thanks Didi for translation]
